Ken und Barbara Follett

Der Bestseller Autor & die Labour-Politikerin zur Sexismusdebatte
Spiegel Online
09.12.2017
Artikel-Download: 

• Ken Follett, Jahrgang 1949, arbeitete zunächst als Journalist, ehe er sich der Schriftstellerei zuwandte. 1989 erzielte er mit "Die Säulen der Erde" seinen Durchbruch. Derzeit ist Follett einer der erfolgreichsten Autoren überhaupt. Er hat weltweit 160 Millionen Bücher verkauft, seine Bestseller wurden in 33 Sprachen übersetzt. Seit 1985 ist er mit Barbara Follett verheiratet, die über viele Jahre Labour-Abgeordnete im britischen Parlament war und mehrere Regierungsposten innehatte.

Er muss unterbewusst geahnt haben, dass das Thema Sexismus zum Erscheinungstermin seines Romans in aller Munde sein würde. Ken Follett plant seine Geschichten minutiös. Da ist eigentlich kein Raum für Zufälle. Und doch gibt es in seinem neuen Buch "Das Fundament der Ewigkeit", das vor allem das Thema Glaubensfreiheit behandelt, eine Szene, die so wunderbar in die aktuelle Debatte passt, als hätte er sie darauf hingeschrieben.
Wenn der 68-Jährige sich ans Werk begibt, am liebsten in einer seiner Bibliotheken, dann sind die Fakten recherchiert, die Charaktere geformt, die Handlungen durchdacht. Da sitzt dann kein an sich selbst verzweifelndes Genie, sondern ein solider, entspannter Schriftsteller, der sein Handwerk beherrscht. Ob er Angst vor Schreibhemmungen habe, wurde er einmal gefragt und hat lachend abgewunken, dann schaue er eben auf seine Kontoauszüge.
Fürs Geschäftliche ist ansonsten Barbara zuständig, seine Frau seit mehr als 30 Jahren. Als CEO des Follett-Büros kümmert sich die 74-Jährige schon während der Entstehung eines Werks um das Marketing und die Rechteverwertung. "Wir haben aus dir eine Marke gemacht, nicht wahr", sagt sie zu ihrem Mann. Und der, lässig zurückgelehnt im maßgeschneiderten Dreiteiler, nickt zufrieden. Gemeinsam perfektioniert das Paar die Bestsellerproduktion.
Follett ist bekannt für seine mutigen Frauenfiguren, die es wagen, gesellschaftlichen Konventionen zu trotzen. Schon auf Seite 41 des Romans, der Mitte des 16. Jahrhunderts spielt, muss sich Margery Fitzgerald, ein ungewöhnlich rebellisches Mädchen, gegen die Zudringlichkeiten des Mannes wehren, den sie heiraten soll, aber nicht heiraten will. Die wütende Margery fackelt nicht lange und rammt dem Angreifer ihr Knie in den Schritt.
"Wir erleben jetzt eine grundlegende Veränderung, und ich bin sehr froh darüber"
Das Buch erschien kurz bevor die Sexismusdebatte Hollywood und das britische Parlament erschütterte. Natürlich, kein Werbecoup, so viel Weitsicht ist selbst dem mit ausgeprägtem Erfolgswillen ausgestatteten Ken Follett nicht gegeben. Darauf angesprochen hat der Autor zunächst Mühe, sich an die Szene zu erinnern. Kann passieren, wenn einer 31 Bücher geschrieben hat, eins wie das andere viele hundert Seiten dick. Doch Barbara Follett, mit zurückhaltender Durchsetzungskraft und charmanter Beharrlichkeit, ist sofort im Thema.
Als Labour-Abgeordnete war sie mit Gleichstellungsfragen beschäftigt, eine Zeit lang als Staatssekretärin für Frauenfragen und später als Kultusministerin. "Mir sind solche Dinge bei vielen Gelegenheiten passiert. Ich habe gelernt, damit umzugehen, ein wenig wie Margery. Manchmal muss man fast gewalttätig werden, um sich zu wehren, dann wieder schiebst du einfach die Hand weg. Wir erleben jetzt eine grundlegende Veränderung, und ich bin sehr froh darüber."
Eine Frau im 16. Jahrhundert wird handgreiflich gegen ihren Zukünftigen. Ist das ein realistisches Szenario? Durchaus, versichert Ken Follett, in jeder Ära finde man rebellische Geister. "Sicher hätten sich nicht viele junge Frauen so verhalten, aber die Helden einer Geschichte sind außergewöhnlich. Sie gehen weiter als andere und loten die Grenzen aus." Follett selbst hat sich lange an die engen Grenzen seines streng religiösen Elternhauses in Wales gehalten, bevor er sich aus der sektiererischen Glaubensgemeinschaft seiner Familie befreite.
Es ist nur wenige Jahre her, da trafen Ken und Barbara Follett in einem Restaurant auf einen nordafrikanischen Diplomaten. Der begrüßte alle Anwesenden am Tisch per Handschlag, ausgenommen die beiden anwesenden Frauen. Später entschuldigte sich einer der britischen Gentlemen bei den Damen: "Es tut mir sehr leid, aber er sieht Frauen einfach nicht."
Barbara Follett zuckt mit den Achseln. "Ich bin daran gewöhnt. Und ich kenne Afrika sehr gut, habe dort lange gelebt." Ist Stillhalten tatsächlich die richtige Antwort? "Ich denke, man muss sich überlegen, welche Schlachten man schlagen will. Das Timing ist sehr wichtig, du musst genug Leute hinter dir haben, auch die Medien. Sonst werden sie dich fertigmachen."
Das Timing der Schauspielerin Alyssa Milano, die mit #MeToo ein Feuerwerk an Tweets auslöste, war offensichtlich perfekt. Aber warum brauchen wir 2017 noch ein Hashtag, um Frauen zu offenem Aufruhr gegen sexistische Übergriffe zu ermuntern? "Weil es noch nicht einmal hundert Jahre her ist, dass wir das Recht bekamen, zu wählen. Wir hatten nicht das Recht am eigenen Körper - und in einigen Ländern haben Frauen es immer noch nicht", sagt Barbara Follett. Und außerdem seien Frauen dazu erzogen worden zu gefallen. Das gelte auch für sie selber.
"Sag mir, wenn ich zu viel rede!" fordert sie ihren Mann auf. Der nimmt es very british. Also fährt sie fort, erläutert die klare Arbeitsteilung im Follett-Unternehmen: Er schreibt, sie führt die Geschäfte. Das tut sie, seitdem sie mal einen Blick in seine Zahlen warf und sah, wie viele Ausstände er noch hatte. Daraufhin feuerte er seinen Agenten. "Und wer wird dich nun vertreten?" fragte sie ihn. "Na, du!" antwortete er.
Damals stand sie gerade als Politikerin unter Beschuss, weil man ihr vorwarf, öffentliche Gelder verschwendet zu haben. "Viele Schriftsteller, nicht nur berühmte wie Ken, werden von ihren Verlegern betrogen", sagt sie. Mit ihrem deutschen Verlag hätten sie diese Erfahrung nicht gemacht, wohl aber mit vielen in anderen Ländern.
Ursprünglich war Barbara Follett unentschlossen, ob sie an dem Gespräch überhaupt teilnehmen sollte, wollte nicht von ihrem Mann und seinem neuen Werk ablenken. Am Ende hat sie, dezidiert und leise, weite Passagen der Unterhaltung bestritten. "Well", sagt sie zur Verabschiedung, "ich bin nicht sicher, wie das nun gelaufen ist." Ken Follett lacht: "Du warst schrecklich."

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/ken-und-barbara-follett-uebe...