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Zur Person
Schauspielerin Martina Gedeck, bekannt u.a. aus "Das Leben der anderen" und "Die Wand", ist ab 8. August 2019 in deutschen Kinos zu sehen. In der Scheidungskomödie "Und wer nimmt den Hund?" steht sie als Doris nach 26 Jahren, zwei Kindern und einem Hund vor den Trümmern ihrer Ehe, denn ihr Mann Georg, gespielt von Ulrich Tukur, beginnt eine Affäre mit einer Doktorandin. Martina Gedeck war lange mit dem Schauspieler Ulrich Wildgruber liiert, bis der sich 1999 das Leben nahm. Mit Angaben aus ihrem Privatleben ist sie äußerst zurückhaltend, sie verrät nicht einmal ihr Geburtsdatum.

SPIEGEL ONLINE: Frau Gedeck, haben Sie einen Hund?

Gedeck: Nein, aber ich mag Hunde. In "Die Wand" war ein Jagdhund über zwei Jahre mein Spielpartner. Meine Großmutter hatte einen Hund, der mich in meine Selbstständigkeit begleitete. Mit ihm durfte ich allein durch Wälder und Wiesen streifen. Der Hund lief frei herum, aber er hat auf mich aufgepasst. Das war ein Gefühl von Sicherheit und gleichzeitig von Freiheit.

SPIEGEL ONLINE: Der Filmtitel lautet "Und wer nimmt den Hund?" - trifft das den Kern der Handlung?

Gedeck: Ja, genau. Der Titel stellt die Grundfrage einer Trennung, und diese lautet: Wie soll man etwas teilen, das nicht zu trennen ist? Man kann den Hund nicht zweiteilen. Der Hund verkörpert ein Problem, das nicht zu lösen ist.

SPIEGEL ONLINE: Der Hund steht also symbolisch auch für Kinder - und wofür noch?

Gedeck: Für die Liebe an sich, die man auch nicht trennen kann, dieses Band zwischen zwei Menschen. Eine Beziehung ist wie ein starkes Gewebe aus einem Faden, der hin- und hergeht, das kann man nicht einfach durchtrennen. Es bleibt als Lebensgewebe bestehen und begleitet einen weiter. Man kann - wenn wir beim Beispiel des Films bleiben - 26 Jahre Ehe nicht abschütteln oder ausradieren. Diese Ehejahre sind in einem drin, die haben das eigene Leben geprägt. Man kann sich von einer Person lösen und ein neues Leben anfangen ohne diese Person. Aber selbst dann bleibt der frühere Partner immer noch präsent in meinen Gedanken.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie persönlich ähnliche Erfahrungen gemacht? Gedeck: Nein, ich habe das nicht erlebt; ich war nie ein halbes Leben verheiratet.

SPIEGEL ONLINE: War es daher schwierig für Sie, sich in eine Figur wie Doris hineinzuversetzen? Gedeck: Als Schauspielerin versetze ich mich fast immer in Situationen hinein, die ich nicht kenne. Aber ich
kenne die Gefühle: Wut, Ohnmacht, Schwäche, Verzweiflung, Trotz oder Rache.

SPIEGEL ONLINE: Wie machen Sie sich mit der Problematik vertraut? Lesen Sie oder sprechen Sie mit Leuten, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben?

Gedeck: Ich stelle mir das vor. Mein Ausgangsmaterial sind der Text und die jeweiligen Spielsituationen. Ich fange lange vor dem Dreh an, mich damit zu beschäftigen, und schaue mir jede Szene an. Ich habe mir in diesem Fall zum Beispiel überlegt, dass Doris noch eine gewisse Kindlichkeit und etwas Unbefangenes in sich trägt. Sie versucht recht schnell, in ihrer Ohnmacht während der Trennungsphase ihre Würde wiederzubekommen und schafft sich dafür neue Felder. Sie lässt sich auf einen anderen Mann ein, sie denkt über Kunstprojekte nach. Das zeugt von einer Grundlebensfreude, die auch durch den Betrug ihres Mannes nicht kaputtgegangen ist.

SPIEGEL ONLINE: Und irgendwann zündet sie aus Wut ein Auto an. Können Sie sich vorstellen, aus Verzweiflung oder Wut so zu reagieren?

Gedeck: Eigentlich nicht, aber Doris kann es sich auch nicht vorstellen - und macht es trotzdem. Ich kann allerdings durchaus nachvollziehen, dass die Wellen über einem zusammenschlagen und dass man sich abreagieren möchte. Das sind die Dinge, die man nicht in der Hand hat. Man verliert die Kontrolle. Die Kontrolle zu verlieren, das kann ich mir tatsächlich vorstellen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn eine Ehe in die Brüche geht, ist es selten so, dass eine Seite völlig im Recht ist. Wie haben Sie in diesem Fall Ihre Position gefunden?

Gedeck: Als Schauspielerin muss ich meine Figur und das, was ich zu spielen habe, verteidigen und rechtfertigen. Nur dann kann ich das glaubhaft und überzeugend rüberbringen. Als ich den fertigen Film zum ersten Mal gesehen habe, habe ich gedacht: Immer wenn er was sagt, hat er recht. Und immer wenn sie etwas sagt, hat sie auch recht. Das kann nur glücken, wenn beide Schauspieler ihren eigenen Raum bewahren beim Spielen.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das in diesem Zusammenspiel mit Ulrich Tukur, der im Film den untreuen Ehemann Georg spielt?

Gedeck: Wir schauen uns gegenseitig nicht zu sehr in die Karten, verständigen uns nicht über unser Spiel. Ich sehe, wie er sich präsentiert, wie er spricht oder mich anschaut, wenn er die Szene spielt. Das ist sein Angebot oder umgekehrt meins. Das macht es echt. Das klappt nicht bei jedem, aber wenn es funktioniert, ist das etwas sehr Besonderes und Schönes. Mit Ulrich Tukur kann man das gut machen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie persönlich an die eine große Liebe zu einem Menschen?

Gedeck: Wenn Sie jetzt nach der partnerschaftlichen Liebe fragen, so kann es in einem ganzen langen Leben
auch zwei, drei große Lieben geben.

SPIEGEL ONLINE: So haben Sie das auch erlebt?

Gedeck: So habe ich das erlebt. Zum Glück.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einmal gesagt, dass Sie zu Ihrem verstorbenen Lebensgefährten Ulrich Wildgruber eine sehr symbiotische Beziehung hatten - und dass Sie jetzt das Gefühl haben, mit Ihrem Partner, dem Regisseur Markus Imboden, in einer "erwachsenen Liebe" zu leben. Die Liebe kann sich also in ganz verschiedenen Formen ausdrücken?

Gedeck: Wir wachsen, verändern uns im Laufe der Jahre, haben einen anderen Erfahrungshorizont, andere Bedürfnisse. Junge Menschen haben andere Stärken als ältere, entsprechend kann sich eine Liebe entwickeln. Und es hängt immer auch vom Gegenüber ab. Welche Eigenschaften oder Interessen werden durch den Partner belebt und welche treten eher in den Hintergrund?

SPIEGEL ONLINE: Die Idealvorstellung ist immer noch, mit einem Partner beziehungsweise einer Partnerin zusammenzuleben oder verheiratet zu sein, "bis dass der Tod euch scheidet". Sie sind nicht verheiratet, oder?

Gedeck: Doch.

SPIEGEL ONLINE: Seit wann?

Gedeck: Schon ein Weilchen.

SPIEGEL ONLINE: Warum wollen Sie das nicht verraten?

Gedeck: Was wollten Sie ursprünglich wissen?

SPIEGEL ONLINE: Müssen wir uns vom Traum einer lebenslangen Partnerschaft endgültig verabschieden?
Gedeck: Es wird vielleicht irgendwann der Punkt kommen, wo dieser Halbsatz selbst aus dem kirchlichen Eheversprechen gestrichen wird. Aber als Ausgangspunkt finde ich das erst mal gut. Wir sollten immer 150 Prozent anstreben, dann schaffen wir vielleicht 80 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Wann gibt es bei Ihnen zuhause Leberkäs?

Sebastian Bezzel: Der Leberkäs an sich spielt in meinem Leben keine große Rolle. Nachdem ich zwei Wochen durch bayerische Kinos getourt bin und überall Leberkäs bekommen habe, habe ich ihn etwas über.

SPIEGEL ONLINE: Klingt, als habe Sie die Kinotour ziemlich geschafft.

Bezzel: Diese laute Art, sich selbst zu feiern, so euphorisch, herzlich, manchmal auch krachledernd, das gibt es so im Norden nicht. Einige Zuschauer verkleiden sich sogar manchmal als Eberhofer, sie können die Filmdialoge auswendig und finden alles toll, auch weil es einfach bayerisch ist. Dabei habe ich manchmal das Gefühl, dass der eine oder andere bayerische Zuschauer die Eberhofer-Filme vielleicht falsch versteht. Sie kommen in Tracht und die Blasmusik spielt, aber sowohl Blasmusik als auch Trachten kommen in den Filmen kaum vor und ich spiele einen Misanthropen, der darauf sowieso keinen Bock hat. Jedenfalls finde ich es jetzt herrlich wieder bei meiner Familie im Norden zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Sprechen Ihre Kinder Bayerisch?

Johanna Christine Gehlen: Leider kaum, aber sie lieben Leberkäs-Semmel. Sie freuen sich sehr, wenn sie in Garmisch-Partenkirchen, wo die Großeltern, also Sebastians Eltern, leben, zum Metzger gehen dürfen. Unsere Tochter trägt auch sehr gern Dirndl, allerdings nicht in Hamburg, nur in Bayern.

SPIEGEL ONLINE: Was ist für Kinder in Bayern anders als in Norddeutschland?

Bezzel: Ich denke nicht, dass die Unterschiede regional bedingt sind, aber es macht einen großen Unterschied, ob Kinder in der Stadt oder auf dem Land aufwachsen. Noch wichtiger ist meiner Meinung nach das soziale Milieu: In einem Viertel wie Hamburg-Ottensen leben Kinder ähnlich wie in München-Schwabing. Und die Kinder in Mümmelmannsberg in Hamburg haben die gleichen Probleme wie die Kinder in München-Hasenbergl.

SPIEGEL ONLINE: Also bemerken Sie keine regionalen Unterschiede?

Bezzel: Abgesehen davon, dass in Bayern alles etwas barocker ist, fällt mir die starke Leistungsorientierung dort auf. Man betreibt zum Beispiel keinen Sport, man spielt kein Theater, einfach nur, weil es Spaß macht - sondern es geht sehr oft darum, Leistung zu zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Erklärt sich dadurch, dass bayerische Schulen bei Ländervergleichen oft besonders gut abschneiden?

Bezzel: Das kommt vielleicht auch daher, dass wir in Bayern eine Regierung haben, die ewig lange beharrlich ihren Kurs verfolgen konnte. Ich bin kein Anhänger der CSU, ganz im Gegenteil, aber in anderen Ländern gab es öfter einen politischen Wechsel und weniger Konstanz im Bildungsbereich.

SPIEGEL ONLINE: In Bayern hängen Kruzifixe in Klassenräumen und Behörden. Spüren Sie als Familie den größeren Einfluss der Religion?

Bezzel: In Garmisch-Patenkirchen, wo ich geboren bin, sind fast alle Kinder getauft. Wir stoßen dort ab und zu auf Besorgnis und Erstaunen, weil unsere Kinder nicht getauft sind. In Hamburg ist das gar kein Thema.

Gehlen: Ich bin weder evangelisch noch katholisch getauft. Für Sebastians Familie war das nie ein Problem. Sebastian kommt allerdings auch nicht aus einer traditionell einheimischen Familie.

Bezzel: Meine Eltern sind aus beruflichen Gründen in den Sechzigern von München nach Garmisch gezogen und eher großstädtisch geprägt. Sie sind beide Akademiker, das war damals auf dem Land eher ungewöhnlich.

SPIEGEL ONLINE: Was schätzen Sie an Ihrer alten Heimat?

Bezzel: Interessant finde ich den Spagat zwischen Laptop und Lederhose, den hat man in Bayern gut hinbekommen, und das ist nicht zuletzt Franz Josef Strauß zu verdanken. Er hat es geschafft aus dem Agrarland einen High-Tech-Staat zu machen, in dem die Menschen aber weiterhin ihre Traditionen leben. Ich könnte bei Siemens in der Chefetage hocken und dort jeden Tag in Tracht herumlaufen, mit kurzen Lederhosen und nackten Waden - keiner würde etwas sagen. Das ist für mich Bayern: Highend-Technologien kombiniert mit uralten Traditionen.

Gehlen: Wir haben einmal eine Einladung zu einem Empfang der Bayerischen Staatsregierung bekommen und der Dresscode lautete: Smoking, Uniform oder Tracht.

SPIEGEL ONLINE: Gehören zu den gelebten Traditionen nicht auch überlebte Rollenbilder?

Gehlen: Da hat sich viel verändert, denn viele Familien brauchen heute ein zweites Gehalt. Frauen sollen auch immer gerne dann arbeiten, wenn das Geld gebraucht wird.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Kita-Quoten sind in Bayern trotzdem deutlich niedriger. Wie erklären Sie sich das?

Gehlen: Ich kann nur über die Verhältnisse hier in Hamburg reden. Und ich finde die Kita-Politik dieser Stadt ist arbeitnehmer-, familien- und frauenfreundlich.

SPIEGEL ONLINE: Provinzpolizist Franz Eberhofer tut sich etwas schwer mit seiner Vaterrolle.

Bezzel: Ich finde, der Franz macht das nicht schlecht. Er erzieht das Kind so, wie er auch erzogen worden ist. Den Besuch in einem riesigen Spielzeugladen findet er zum Beispiel grauenvoll. Er ist eben der Meinung, dass es für den Kleinen Tausend mal besser ist, mit einer Brezel in der Hand die Hühner zu füttern, als mit Plastik zu spielen.

SPIEGEL ONLINE: Aber an seiner Verlässlichkeit könnte er doch ein wenig arbeiten. Ist Sebastian Bezzel als Papa zuverlässiger als Franz Eberhofer?

Gehlen: Sebastian ist ein toller Vater. Ich verbringe zwar mehr Zeit mit den Kindern, weil ich oft in Hamburg am St. Pauli-Theater arbeite und Sebastian häufiger auf Drehreise ist. Aber wenn er hier ist, ist er voll dabei.

SPIEGEL ONLINE: Mussten Sie beruflich zurückstecken, um für die Kinder da zu sein?

Gehlen: Naja also, wenn sich mir eine Filmfigur wie der Eberhofer bieten würde, dann würden wir das schon bewerkstelligen, auch wenn es fürchterlich anstrengend wäre. Vielleicht hätte mich das aber auch als Mama etwas unglücklich gemacht in den letzten Jahren. Bei Vätern ist das etwas anders, oder?

Bezzel: Manchmal sitze ich im Zug und bin froh, dass ich mich auf meine Rolle konzentrieren kann. Und dann hocke ich irgendwo alleine in einem Hotelzimmer und denke: Was mache ich hier eigentlich? Am Telefon höre ich zuhause lautes Lachen, während sie Pfannkuchen backen. Da kann man auch in ein Einsamkeitsloch fallen.

Gehlen: Und ich wünsche mir hin und wieder ein ruhiges Hotelzimmer in einer anderen Stadt, um zum Beispiel ungestört Texte lernen zu können. Das ist normal. Insgesamt hat sich bisher alles gut gefügt.

SPIEGEL ONLINE: Wer kauft denn die Schuhe für die Kinder und kennt ihre Stundenpläne?

Bezzel: Das machen wir zusammen.

Gehlen: Also, um ehrlich zu sein, für den Überbau bin ich zuständig. Ich denke an alles und plane Arztbesuche, Kindergeburtstage, Geschenke, Einladungen. Das Ausführen der Aufgaben teilen wir uns - wenn Sebastian nicht unterwegs ist.

Zur Person
Der Schauspieler Ulrich Noethen, Jahrgang 1959, ist aktuell in der Neuverfilmung des Romans "Deutschstunde" von Siegfried Lenz zu sehen. In München geboren, wuchs er als jüngstes von fünf Kindern einer Pfarrfamilie auf. Er hat eine 25-jährige Tochter aus erster Ehe sowie eine 6-jährige Tochter mit seiner Lebensgefährtin, der Schriftstellerin Alina Bronsky. Bronsky brachte darüber hinaus drei Kinder, die heute zwischen 14 und 20 Jahre alt sind, mit in die Beziehung.

SPIEGEL: Herr Noethen, Sie spielen in "Deutschstunde" einen Dorfpolizisten zur Zeit des Nationalsozialismus, der sich durch nichts von seiner Pflichterfüllung abbringen lässt. Er liefert sogar seinen desertierten Sohn an die Nazis aus. Haben die Nazis den Begriff der Pflicht für immer diskreditiert?

Noethen: Das sehe ich nicht so. Pflicht ist erst einmal nur ein Gefäß. Und es kommt auf den Inhalt an. Ich finde es heutzutage besonders wichtig, Verantwortung zu übernehmen. Viele Menschen - und ich schließe mich da nicht aus - legen sich nur ungern fest. Vorgaben und Regeln lösen sich auf. Hauptsache wir haben Spaß. Verpflichtungen, die man sich selbst oder anderen gegenüber eingeht, sind deshalb notwendig.

SPIEGEL: Ist Ihr eigener Alltag sehr von Pflichten bestimmt?

Noethen: Kommt darauf an, was Sie unter Pflicht verstehen. Wenn es um die Familie geht, gibt es Verabredungen, die meinen Alltag bestimmen. Pflicht hat ja diese negative Konnotation von Zwang. Wenn es mir aber gelingt, die Notwendigkeit und die Sinnhaftigkeit einer Pflicht zu erkennen, dann kann ich auch Freude daran haben.

SPIEGEL: Ihnen würde also etwas einfallen, wenn Sie - wie Siggi im Film - die Aufgabe bekämen, einen Aufsatz zum Thema "Die Freuden der Pflicht" zu verfassen?

Noethen: 'Freuden der Pflicht' ist bei Lenz natürlich ein Sarkasmus. Dem Dorfpolizisten Jens Ole Jepsen wird man nicht unterstellen können, dass er bei seiner Pflichterfüllung wahnsinnig viel Spaß gehabt hat.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt Pflichtbewusstsein bei der Erziehung Ihrer Kinder?

Noethen: Ich habe Verantwortung für die Kinder - und die Kinder sollen auch irgendwann Verantwortung übernehmen. Das will ich ihnen beibringen. Wenn ihnen beispielsweise die Küche zur Verfügung gestellt wird, damit sie ein neues Kuchenrezept ausprobieren können, dann erwächst daraus die Verpflichtung, die Küche am Ende wieder in ihren Ursprungszustand zurückzuversetzen. 'Bitte hinterlassen Sie diesen Ort so, wie Sie ihn selbst vorzufinden wünschen!' Das gilt auch im globalen Maßstab. Solche Sachen versuche ich, den Kindern beizubringen.

SPIEGEL: Klappt das?

Noethen: Mehr oder weniger, wir sind eine ganz normale Familie.

SPIEGEL: Was hat Ihre Filmfigur Ole Jepsen dazu gebracht, in seinem Pflichtbewusstsein so starr, geradezu brutal zu sein?

Noethen: Ich weiß es nicht. Weil ihm niemand den Mut zum Nachdenken beigebracht hat? Weil Pflicht für ihn nicht in Frage gestellt werden darf? Weil er ein Angstbeißer ist, der sich bedroht fühlt?

SPIEGEL: Als Jens Ole Jepsen verprügeln Sie Ihren zehnjährigen Sohn Siggi ausgiebig mit einem durch die Luft zischenden Rohrstock. Das Gefühl von Demütigung und Schmerz geht unter die Haut. Was empfanden Sie, als Sie die Szene spielten?

Noethen: Das entfaltet seine psychologische Wucht bei mir erst hinterher. Zunächst mache ich es für mich zu einem technischen Vorgang: Ich frage mich, wie ich die Vorgabe des Drehbuchs so umzusetzen kann, dass keiner der Beteiligten zu Schaden kommt. So eine Szene wird ja mehrmals aus unterschiedlichen Blickwinkeln aufgenommen, in vielen Einstellungen ist das Kind gar nicht physisch anwesend, sondern ein Dummy, ein Lederkissen wird geschlagen. Erst im Schnitt ergibt sich das ganze Bild. Das sind Drehtage, an denen man sich später beglückwünscht, dass es eine klare Trennung gibt zwischen dem gespielten und dem eigenen Ich. Aber das Potenzial zur Gewalt ist in jedem von uns vorhanden.

SPIEGEL: Ihr Gegenspieler, der Maler Max Ludwig Nansen, ist dem Expressionisten Emil Nolde nachempfunden. Ausgerechnet jetzt, im Erscheinungsjahr des Films, wird intensiv darüber diskutiert, dass Nolde nicht nur ein von den Nazis unterdrückter Maler war, sondern gleichzeitig Antisemit und Hitler-Verehrer. Spielte das während der Dreharbeiten eine Rolle?

Noethen: Wir haben darüber gesprochen, aber wir wollten die starke Parabel in Lenz' Roman nicht durch einen Kommentar zu der Debatte um Nolde überdecken lassen. Schon Siegfried Lenz wollte nicht Emil Nolde beschreiben, er wusste auch nicht so viel über ihn, wie wir es heute tun. In der Rezeption hinterher wollte man dann allerdings Nolde in seiner Romanfigur erkennen. Die Figur des Malers im Film unterscheidet sich obendrein von der Romanfigur, sie ist weniger glänzend.

SPIEGEL: Wenn Sie ein Gemälde von Nolde besitzen würden...

Noethen: ... würde ich es Zuhause aufhängen. Mich beeindrucken viele dieser Bilder in ihrer Farbigkeit, in ihrer Plastizität, in ihrer Kraft. Wobei für mich viele Fragen dazu kommen: War es richtig, den Nolde im Kanzleramt abzuhängen? Ist ein Kunstwerk kein Kunstwerk mehr, weil es ein Nazi gemalt hat? Und warum genau ist es dann weniger wert, in des Wortes doppelter Bedeutung? Wir hatten Pressetag in München. Da steht vor dem "Bayerischen Hof" ein inoffizielles Michael-Jackson-Denkmal, wo Fans Devotionalien ablegen. Ist seine Musik nach den Missbrauchsvorwürfen wertlos?

SPIEGEL: Haben Sie eine Antwort darauf?

Noethen: Ja. Nolde hat tolle Bilder gemalt. Und er hat sich als ein mieser Nazi entpuppt. Ich kann es aushalten, mit Widersprüchen zu leben.

SPIEGEL: Sie verkörpern häufig Figuren aus der Zeit des Nationalsozialismus...

Noethen: Das mag öfter vorgekommen sein, aber viele Figuren, die ich gespielt habe, haben damit überhaupt nichts zu tun. Eine Zeit lang hat man mich fast ausschließlich mit Kinderfilmen in Verbindung gebracht.

SPIEGEL: Man kennt Sie unter anderem als Professor Sauerbruch aus der Fernsehserie "Charité", als Kriegsheimkehrer, als Anne Franks Vater oder Heinrich Himmler. Ihr Vater, geboren 1920, war Wehrmachtsoffizier und wurde später Pfarrer. Verarbeiten Sie in diesen Rollen auch Ihre Familiengeschichte?

Noethen: Der Vater meines Vaters war Kirchenrat in der lutherischen St. Lukas-Kirche in München. Die Gestapo hat seine Gottesdienste überwacht. Mein Vater war in der Jugendgruppe der Gemeinde. Nach der Gleichschaltung fand er sich in der Hitlerjugend wieder. Dann Reichsarbeitsdienst und Wehrmacht, später Gefangenschaft. Nach dem Krieg hat er Theologie studiert. Diese Widersprüche, in denen mein Vater stand, zwischen christlicher Botschaft und Nationalsozialismus, zwischen Bergpredigt und Vernichtungskrieg, beschäftigen mich noch immer. Ich würde nicht sagen, dass ich durch diese Rollen meine Familiengeschichte aufarbeite, aber sie helfen mir, meinen Vater und seine Generation besser zu verstehen. Und es ist von Vorteil, jemanden zu haben, mit dem man darüber sprechen kann.

Zur Person
Marie Bäumer, Jahrgang 1969, ist Schauspielerin und Schauspiel-Lehrerin. Zuletzt war sie als Romy Schneider in "3 Tage in Quiberon" auf der Leinwand zu sehen. Bäumer wurde in Düsseldorf geboren, heute lebt sie in der Provence in Frankreich. Vor einigen Jahren erkundete die leidenschaftliche Reiterin den Wilden Westen der USA zu Pferd. Jetzt hat sie ein Buch mit dem Titel "Escapade" geschrieben.

DER SPIEGEL: "Escapade" lautet der Titel Ihres Buches. Aus dem Französischen übersetzt heißt das so viel wie Seitensprung. Beim Dressurreiten bezeichnet man damit ein Ausweichen des Pferdes. Was bedeutet "Escapade" für Sie?

Bäumer: Mit einem Augenzwinkern einen Aufbruch starten, spielerisch einen Sprung aus der gewohnten Fassung wagen.

DER SPIEGEL: Den vertrauten Rahmen zu verlassen, macht vielen Menschen Angst. Ihnen nicht?

Bäumer: Angst verhindert vieles. Wir Menschen sind immer wieder konfrontiert damit, Ängste und Schwellen zu überwinden. Das geht schon los als Kind, wenn man im Schwimmbad auf dem Sprungbrett steht. Aber die Belohnung ist das Glücksgefühl, wenn man es geschafft hat, ins Becken zu springen.

DER SPIEGEL: Gibt es etwas, das Ihnen Angst macht?

Bäumer: Ich habe seit jeher Angst vor Spinnen. Eine Freundin riet mir, sie anzufassen. Dadurch konnte ich die Angst teilweise überwinden. Außerdem habe ich ein Kind, das noch mehr Angst vor Spinnen hatte, und da musste ich natürlich behaupten, Spinnen seien überhaupt kein Problem für mich. Es ist auch zu absurd, auf dem Land zu leben und Angst vor Spinnen zu haben.

DER SPIEGEL: Vor drei Jahren haben Sie das Atelier Escapade gegründet. Was machen Sie da?

Bäumer: Aus meinen Erfahrungen als Schauspielerin und Schauspiellehrerin habe ich eine Methode entwickelt, die hilft, die Energie, die wir im Körper halten, freizulegen, mentale und körperliche Blockaden zu lösen, und somit auf unsere zentrale Kraft zuzugreifen.

DER SPIEGEL: Dabei setzen Sie auch Pferde ein.

Bäumer: Pferde legen emotional sehr viel frei bei uns. Im Atelier Escapade bewegen sich, innerhalb eines eingezäunten Bereiches, Menschen und Tiere frei, die Pferde sind ohne Halfter und Strick. Wenn jemand erlebt, dass er 500 Kilo nur durch seine Energie bewegen kann, dann ist er überwältigt.

DER SPIEGEL: Was kosten Ihre Kurse denn - und wer bucht das?

Bäumer: Die Preise variieren. Unter den Teilnehmern sind Ingenieure, Leute aus der Werbung, bis hin zur Lehrerin. Das Thema ist universell.

DER SPIEGEL: Der Mensch sei die einzige Spezies, die in Körperausdruck und Sprache widersprüchlich sein kann, schreiben Sie in Ihrem Buch. Bei Tieren hingegen seien Körperhaltung und Stimme immer kongruent. Wer ist denn hier im Vorteil, Tier oder Mensch?

Bäumer: Die Tiere machen es sich leichter. Deshalb gibt es deutlich weniger Missverständnisse bei ihnen. Der Mensch ist sehr komplex und vieldeutig. Das ist einerseits eine Qualität und andererseits eine Krux. Sowohl im Beruf, als auch in Beziehungen leiden Menschen darunter, dass körperliche Signale und Worte nicht übereinstimmen. Eine Mutter, die ihrem Kind sagt: "Ja, ich liebe dich", es aber gleichzeitig angestrengt von sich fernhält, weil sie telefonieren möchte, sorgt bereits für ein Missverständnis. Das Pferd führt uns unmittelbar zu Klarheit und innerem Gleichgewicht.

DER SPIEGEL: Ihr Lieblingslehrer an Ihrer ersten Ausbildungsstätte, der Scuola Teatro Dimitri im Tessin, trieb Sie mit fast brutalen Methoden über Ihre Grenzen: Training bis zur Erschöpfung, Beschimpfungen, sogar Ohrfeigen. Wie konnte ausgerechnet er zu Ihrem Lieblingslehrer werden?

Bäumer: Mir waren immer die strengsten Lehrer die liebsten, wenn ich gemerkt habe, dass es Hand und Fuß hatte, was sie vermittelten. Mir hat das Sicherheit gegeben, weil ich das Gefühl hatte, diese Leute nehmen wirklich ernst, was sie tun. Durch ihre Härte schimmerte immer auch eine tiefe Zärtlichkeit durch. Von Szilard, einem Ungarn, der von Kindesbeinen an als Akrobat beim Zirkus gearbeitet hatte, und bei Jutta Hoffmann vom Brecht-Theater, einer ebenfalls strengen Lehrerin, habe ich am meisten gelernt.

DER SPIEGEL: Gehen Sie als Schauspiellehrerin und Mediatorin mit ähnlichen Methoden vor?

Bäumer: Nein. Ich bemühe mich, stringent zu sein, aber ich bin nicht streng. Ich persönlich habe jedoch Strenge und Autorität nie mit etwas Negativem verbunden. Das wird in meiner Generation oft verwechselt, gerade in der Erziehung.

DER SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Bäumer: Ein klarer Rahmen gibt Kindern eine Orientierung. Wenn man ihnen alle Entscheidungen überlässt, führt das dazu, dass Kinder in ein Restaurant hineinrauschen und schreien: Ich will 'ne Cola! Das finde ich bedauerlich. Oder dass sie ständig Gespräche unterbrechen und nicht mehr die Hand geben. Kindern diese kleinen wertvollen Formen für Kontakte zwischen Menschen nahezubringen, ist anstrengend, aber lohnenswert, denn es ist der erste Schritt auf den Mitmenschen zu.

DER SPIEGEL: Ist das in Frankreich, wo Sie leben, anders?

Bäumer: Bei den Franzosen erlebe ich das anders. Sie sind früh mit den Kindern liebevoll didaktisch in der Erziehung, es ist selbstverständlich, eine gewisse Höflichkeit im Umgang zu lernen. In Deutschland erlebe ich beim Bäcker, wie kleine Kinder völlig überfordert sind von der riesigen Auswahl und Mütter, eine lange Warteschlange hinter sich, auf eine Entscheidung drängen. Es würde dem Kind und der Mutter helfen, dass sie eine Entscheidung fällt.

DER SPIEGEL: Würden Sie sagen, dass man mit harten Methoden das Beste aus einem Menschen herausholen kann?

Bäumer: Der Mensch lernt am Widerstand. Die Überwindung des Widerstands ist ein wichtiger Motor. Deshalb sollte man Kindern bei Entscheidungen helfen, aber ihnen nicht alles abnehmen. Heute werden sie oft von Erwachsenen hochgeschoben auf die Rutsche, hochgehoben auf den Baum und irgendwann sitzen sie nur noch passiv auf den Schultern ihrer Eltern und weinen, wenn sie alleine laufen sollen. Man nimmt ihnen die Freude, ihre eigenen Kräfte zu erkennen und zu messen.

DER SPIEGEL: Als Mediatorin helfen Sie Menschen, den richtigen Weg zu finden. Wie weiß ich denn, dass ich auf dem richtigen Weg bin?

Bäumer: Wenn es leicht ist. Deutschland macht es sich grundsätzlich gern schwer. Das ist natürlich auch eine Qualität, wir sind sehr arbeitsam und einsatzfähig. Wir sagen, solange etwas nicht anstrengend ist, war es nicht gut. Aber meiner Meinung nach ist es anders: Wenn uns etwas leichtfällt, können wir es gut, denn es entspricht unserem Wesen.

DER SPIEGEL: Sie wollen Menschen dabei unterstützen, ihre Träume zu verwirklichen. Viele Menschen kennen ihre Wünsche, aber Sie zitieren ein italienisches Sprichwort: Zwischen dem Sagen und dem Tun liegt das Meer. Was hindert Menschen daran, ihre Träume in die Realität umzusetzen?

Bäumer: Es gibt viele Einflüsse: die Stimmen aus der Familie, aus der Gesellschaft, die inneren Stimmen. Ab und zu muss man seine alten Glaubenssätze aussortieren wie alte Kleider. Das meine ich mit dem Sprung aus der gewohnten Fassung. Reisen und Ausflüge sind hilfreich, weil sie einen anderen Blick auf das eigene Leben schaffen. Ich habe zum Beispiel die deutsche Sprache in Frankreich richtig lieben gelernt, obwohl ich auch die französische liebe. Diese Vokale, die Kraft, die Poesie, die Tiefe!

DER SPIEGEL: Welche Träume verfolgen Sie persönlich?

Bäumer: Ich möchte einmal mit Pferden um den Erdball reiten. Außerdem habe ich die Vision, am Atlantik eine riesige Skulptur zu gestalten, einen Wal mit einem Elefanten, die letzten Dinosaurier unter uns, der eine vom Land, der andere aus dem Meer. Ein Elefant hat ungefähr das Gewicht der Zunge eines Blauwals. Das ist ein Bild, welches aus einem Traum, den ich in La Rochelle hatte, entstand. Ich hoffe, dass mich irgendwann jemand dabei unterstützt ihn umzusetzen.

Peter Sattmann ist einer jener Schauspieler, dessen Name nicht sofort jedem etwas sagt, dessen Gesicht aber viele kennen. Der 72-Jährige spielte in den Siebzigerjahren unter Claus Peymann am Theater in Stuttgart, wurde in dieser Zeit zweimal zum Schauspieler des Jahres gekürt. Später trat er vor allem im Kino und im Fernsehen auf, hatte zahlreiche Rollen in Erfolgsfilmen wie "Karambolage" mit Constanze Engelbrecht und Iris Berben oder "Abgeschminkt" mit Katja Riemann. Mit Riemann war er zehn Jahre lang liiert. Die beiden haben eine gemeinsame Tochter. Am 4. November erschien Sattmanns Autobiografie "Mein Leben ist kein Drehbuch", in der er seine wechselvolle Vergangenheit erzählt: Es geht um seine Jugend in der DDR, seine Übersiedlung 1957 in den Westen, die Misshandlung durch einen Geistlichen, seine Zeit als Stadtstreicher in den Sechzigerjahren und seinen unsteten Lebenswandel mit Drogen und Spielen. Nichts von alledem will Sattmann missen.

SPIEGEL: Herr Sattmann, Ihre Autobiografie ist gleichermaßen geprägt von Komik und Dramatik. Wie erinnern Sie Ihre Kindheit?

Sattmann: Ich habe da ausnahmslos gute Erinnerungen. Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen. Ich bin sehr dankbar für mein Leben, für alles, was passiert ist. Ich finde mich reich beschenkt vom Schicksal. Allein die Tatsache, dass man in dieser Lücke lebt, wo gerade mal kein Krieg ist.

SPIEGEL: Sie haben schon als Kind Erfahrungen machen müssen, die andere als traumatisch bezeichnen würden. Fast belustigt beschreiben Sie, wie Sie als Vierjähriger Ihren Vater fanden, als der gerade versuchte, sich zu erhängen.

Sattmann: Ich habe alles aus kindlicher Sicht aufgeschrieben. Dadurch entsteht vielleicht eine Leichtfertigkeit im Umgang mit diesen Geschichten. Ich sehe meinen Vater noch genau vor mir, wie er mich angeguckt hat.

SPIEGEL: Was haben Sie denn gedacht, als Sie Ihren Vater so sahen - mit einem Seil um den Hals?

Sattmann: Wenn er weint und nicht mehr leben will, habe ich gedacht, muss man ihm das gestatten. Ich habe meine Mutter weggeschoben, weil sie ihn herunterholen wollte. 'Du siehst doch, er will nicht mehr leben', sagte ich. Als Kind ist man eben der Meinung, einem Weinenden kann man nichts ausschlagen. Die beiden, die sich ständig trennen wollten, fanden das so lustig, dass sie sich im Grunde darüber wiedergefunden haben.

SPIEGEL: Warum war Ihr Vater so verzweifelt?

Sattmann: Mein Vater war ein sehr melancholischer Mann, sein Leben lang selbstmordgefährdet. Vor allem, wenn Vollmond war, war er depressiv. Wir hatten immer Angst, er könnte sich etwas antun. Wahrscheinlich habe ich das geerbt.

SPIEGEL: Hatten Sie selbst auch Selbstmordgedanken?

Sattmann: Immer wieder. Schon mit acht wollte ich von einer Brücke springen. Ich empfinde immer eine Todesnähe. Ich will damit leben, und ich will damit glücklich sterben.

SPIEGEL: Warum haben Sie solche Gedanken?

Sattmann: Weil ich es scheiße finde, alt zu werden. Dieser Leistungsschwund ist schrecklich. Seit ich 50 bin, nehme ich alle zwölf Stunden zehn Tabletten zum Überleben. Ich habe wahnsinnig hohen Blutdruck, Altersdiabetes und Vorhofflimmern. Bei einem Blutdruck von 230:190 und einem Puls von 160 dachte ich in den letzten Wochen, die Veröffentlichung meines Buches werde ich nicht mehr erleben.

SPIEGEL: Sind das Folgen Ihres Lebenswandels?

Sattmann: Kann sein. Aber lieber rauche ich, als zehn Jahre länger zu leben.

SPIEGEL: Ihre Eltern sind mit Ihnen im Alter von zehn Jahren 1957 von Zwickau in Sachsen nach Friedrichshafen an den Bodensee gezogen. Wie war das für Sie?

Sattmann: Ich habe heimlich ganz viel getrauert und wollte sofort wieder zurück. Nach dem ersten Schultag habe ich nur geweint. Ich bin eigentlich gerne zur Schule gegangen. Vor allem im Osten. Es gab im Osten keinen Leistungsdruck im klassischen Sinne, man hat miteinander gelernt. Ich habe mich dann auch im Westen darauf gefreut. Doch die Schokoküsse, die Bananen und Orangen konnten mir das Leben im Westen nicht versüßen. Es war Horror im Westen, in der Hauptsache durch einen Pfarrer, den ich den "schwarzen Mann" nannte. Generationen von Jungs haben unter seinen brutalen Schlägen gelitten. Prügel waren in Westdeutschland noch bis 1962 erlaubt, während sie in der DDR längst verboten waren.

SPIEGEL: Der Pfarrer hat nicht nur geprügelt, er hat Sie und die anderen Jungs auch für seine sexuellen Fantasien missbraucht, indem er onanierte, während er Sie alle Blinde Kuh spielen ließ. Sie haben Ihren Eltern nie davon erzählt. Warum nicht?

Sattmann: Ich glaube, ich habe mich geschämt, dachte, es wäre meine Schuld, dass ich Dresche gekriegt habe. Wenn meine Eltern noch leben würden, hätte ich es auch in meinem Buch nicht erwähnt.

SPIEGEL: Wäre Ihr Leben anders verlaufen, wenn das nicht passiert wäre?

Sattmann: Ja. Ich hätte die Schulzeit glücklich verlebt. Ich hätte diese schlimmen Erinnerungen nicht und diesen Hass auf diesen Mann, diese Verachtung.

SPIEGEL: Sie sind danach als Jugendlicher in München auf der Straße gelandet.

Sattmann: Ja, als Obdachloser, als Gammler, als Penner, als Stadtstreicher, nennen Sie es, wie Sie wollen. Als junger Mensch wollte man nach München, weil das die erste Anlaufstelle war für die Jugendbewegung. Ich wollte frei sein. Gammeln ist hervorragend, solange die Sonne scheint und man draußen lässig übernachten kann. Aber wenn es kalt war und der Bahnhof abgeschlossen wurde und alle von dort vertrieben wurden, habe ich Dauerlauf um den Bahnhof herum gemacht, damit ich nicht erfriere.

SPIEGEL: Sind diese Erlebnisse vielleicht ausschlaggebend für Ihre Melancholie, Ihre Selbstmordgedanken?
Sattmann: Das kann gut sein. Aber ich bin viel älter geworden, als ich es mir erträumt habe, ich bin sehr zufrieden. Im November '66 habe ich versucht, auf die Schauspielschule zu kommen, und das hat geklappt, damit war ich auch wieder raus aus diesem Gammlerleben. Trotzdem war ich schon in jungen Jahren überzeugt, mit 54 zu sterben. Meinen Töchtern sage ich immer: Trauert nicht, wenn ich mal sterbe! Seid froh, dass ich es geschafft habe.

SPIEGEL: Was sagen denn Ihre Töchter dazu? Sie haben drei Kinder von drei verschiedenen Müttern, richtig?
Sattmann: Ja, aber wir reden nur über zwei. Die ältere und die jüngste sind Auge in Auge gezeugt worden. Die andere, sie ist jetzt ungefähr 35, ist das Ergebnis einer Affäre, es war ein Versehen.

SPIEGEL: Aber sie ist Ihre Tochter.

Sattmann: Ich habe 20 Jahre lang Geld geschickt, aber ich habe kein Verhältnis zu ihr. Ich will das nicht erzählen, bitte.

SPIEGEL: Und Ihr Verhältnis zu den anderen beiden Töchtern und ihren Müttern?

Sattmann: Das ist innig. Die Mutter von Katrin lebt nicht mehr. Paulas Mutter Katja (Riemann) und ich sind nach wie vor befreundet, sogar noch verliebt.

SPIEGEL: Warum sind Sie dann nicht mehr zusammen?

Sattmann: Weil das nicht geht. Ich denke, ich bin für jeden anderen Menschen eine Zumutung, wenn es um das Zusammenleben geht, weil ich ein Eigenbrötler bin und ein großer Egozentriker.

SPIEGEL: Sieht Katja Riemann das auch so?

Sattmann: Ja, aber sie würde es nicht Zumutung nennen. Wir sagen uns: Ich liebe dich, aber ich möchte nie wieder mit dir zusammenleben. Wir waren zehn Jahre zusammen. Im Augenblick hat sie keinen Liebhaber, keinen Lebenspartner. Ich beende jede E-Mail mit: "Ich liebe dich, ich küsse dich". Herrlich! Wir haben uns ohne Rosenkrieg getrennt. Die Boulevardpresse schrieb, die Beziehung sei gescheitert. Ich bin allerdings der Meinung, wenn man sich nach zehn Jahren in Freundschaft trennen kann, dann ist eine Beziehung nicht gescheitert, sondern gelungen.

SPIEGEL: In Ihrem Buch schreiben Sie, Freundschaft sei Ihnen inzwischen wichtiger als eine Liebesbeziehung. Weil Sex mit zunehmendem Alter weniger wichtig wird?

Sattmann: Na ja, Sex kann auch in einer Freundschaft vorkommen. Man kann doch mit einer Frau befreundet sein, getrennt wohnen, getrennte Kühlschränke und Fernseher haben, sich aber trotzdem immer mal wieder im Bett finden. Oder in der Küche.

SPIEGEL: Sie halten sich für einen Eigenbrötler. Was macht Sie so inkompatibel mit anderen Menschen?
Sattmann: Ich empfinde es zum Beispiel als eine Art Unfreiheit, wenn man sich verabreden muss: Dann stehen wir auf, dann fahren wir los, dann gehen wir ins Kino. Es gibt schon auch Situationen, wo ich es sehr bereue, alleine zu leben. Das ist das Schlimme daran, wenn man als Single lebt, dass man nichts teilen kann. Wie sagte Albert Schweitzer? Glück ist das Einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt.

SPIEGEL: Fühlen Sie sich einsam?

Sattmann: Einsam wäre übertrieben, aber allein. Schreckliche Situationen oder die Unglücke kann ich gut mit mir selbst abhandeln. Aber die schönen Sachen? Da fehlt mir häufig meine Mutter, die ich dann immer angerufen habe. Ich habe dennoch viele Freunde und viel Besuch. Ich mag es aber, allein zu sein. Allerdings nicht ohne Computer. Ich werde verrückt, wenn das Internet nicht geht.

SPIEGEL: Wie viel Zeit verbringen Sie am Computer?

Sattmann: Gestern waren es zehn Stunden. Ich bin ein Spieler, spiele seit 15 Jahren World of Warcraft. Dafür gab es gerade eine Erweiterung, und so habe ich gestern zehn Stunden gespielt.

SPIEGEL: Sind Sie süchtig?

Sattmann: Klar, ein Spiel, das nicht süchtig macht, ist kein gutes Spiel.

SPIEGEL: Haben Sie es unter Kontrolle?

Sattmann: Nee, das will ich auch nicht. Ich liebe meine Süchte, auch Rauschgift. Die Sucht bereichert mein Leben.

SPIEGEL: Welche Rauschmittel nehmen Sie?

Sattmann: Marihuana.

SPIEGEL: Heute Morgen auch?

Sattmann: Nein, immer erst nach Feierabend. Sonst hätte ich nicht überlebt. Ich habe wirklich alles probiert, synthetische Drogen, Gewürzmischungen, sogar Heroin. Ich habe es überlebt, weil ich die Maxime hatte, für die Arbeit ist ein klarer Kopf die beste Droge. Die Drogen gehören zum Feierabend und zu den Festen.

SPIEGEL: Haben Sie Ihr Buch abends mit Marihuana geschrieben oder tagsüber ohne?

Sattmann: Nie bekifft! Wenn ich kreativ bin, dann bin ich exzessiv. Dann geht das einen Monat durch, fast ohne Schlafen, also 16 Stunden am Tag mit viel Kaffee und Wasser, wenig Essen und wenig Schlaf. Meine Werke sind fast immer Pressgeburten.

SPIEGEL: Sie touren seit ein paar Jahren auch mit einer Art Kabarettprogramm durch Deutschland. Unterscheidet sich das Publikum in Ost und West?

Sattmann: Das unterscheidet sich sehr. Wir spielen wahnsinnig gern im ehemaligen Osten, wirklich. Die Leute sind durch die Bank dankbarer. Die freuen sich mehr, dass man kommt. Wenn ich diesen sächsischen Dialekt höre, fühle ich mich immer sofort zu Hause. Ich durfte leider nur einmal eine Rolle auf Sächsisch spielen. Das war mit Thekla Carola Wied.

SPIEGEL: Stehen Sie noch häufig vor der Kamera?

Sattmann: Selten. Ich habe keine Lust mehr. Im Vergleich zu den Siebziger-, Achtzigerjahren ist das deutsche Fernsehen heute nur noch langweilig. 1974 hatten wir für meinen ersten 90-minütigen Fernsehfilm 36 Drehtage. Heute bekommt man maximal 20. Die Bücher sind nicht mehr so gut, und vor allen Dingen stört das ständige Reinreden der Fernsehredakteure. Sie sind so mächtig geworden. Früher gab es nur eine Autorität, das war der Regisseur.

SPIEGEL: Sie spielen häufig mit in Filmen von Inga Lindström oder Utta Danella. Sind Sie mit den seichteren Stoffen zufrieden?

Sattmann: Ich habe eigentlich nur damit angefangen, weil das für meine Mutter das Größte war. Sie sollte ihren Sohn einmal in einem solchen Film sehen können. Ich komme ja vom Theater, bin mit ein bisschen mehr Ansprüchen an diesen Beruf herangegangen und habe in den Siebzigern und Achtzigern auch ganz andere Sachen gedreht im Fernsehen. Aber wenn Sie einmal in der Herzkino-Schublade sind, dann kommen Sie da nicht mehr raus.

SPIEGEL: Sind Sie neidisch auf Charakter-Schauspieler wie Ulrich Tukur, Armin Mueller-Stahl oder Mario Adorf, die im Feuilleton besprochen werden?

Sattmann: Schon. Manchmal wäre ich gern an ihrer Stelle gewesen. Ich hätte gern gespielt, was ihnen angeboten wurde. Ich hätte auch gern 'Honig im Kopf' von Til Schweiger gemacht, wenn er angerufen hätte. Es frustriert mich aber nicht, dass es nicht passiert ist. Ich mag den Hallervorden trotzdem sehr. Ich schmeiße auch ins Herzkino meinen ganzen Fleiß, meine ganze Fantasie und bin am Drehort diszipliniert. Es ist nicht so, dass ich das lässig nebenbei mache, ich nehme das genauso ernst wie eine Charakterrolle.

SPIEGEL: Warum ist Ihre Entwicklung anders verlaufen als die eines Reputationsschauspielers?

Sattmann: Weil ich immer Geld brauchte und es mir nie leisten konnte, etwas abzusagen. Ich war gut im Geschäft, kann aber nicht sparen. Ich habe immer Gefallen am Geld, wenn ich es ausgeben kann. Ganz viele Menschen haben davon profitiert. Ich war großzügig bis zur Verschwendungssucht. Wenn ich Geld hatte, habe ich unentwegt Leute eingeladen.

SPIEGEL: Nehmen Sie sich manchmal vor, Ihr Verhalten zu ändern?

Sattmann: Das habe ich gemacht, indem ich zum Beispiel mein Luxushaus in Zehlendorf aufgegeben habe und jetzt in Stahnsdorf lebe. Vor zwei Jahren habe ich plötzlich gemerkt, dass es nicht mehr für die nächste Miete reicht. Mein Konto war schon 25.000 Euro überzogen. Ich habe viele Jahre Geld verdient, und plötzlich war es weg. Es kamen keine Angebote mehr, denn mit dem Herzkino ist es nun auch vorbei, weil ich ein Opa bin.

SPIEGEL: Im wirklichen Leben sind Sie noch nicht Opa.

Sattmann: Das bedaure ich wirklich. Ich wäre es gern. Aber wahrscheinlich muss ich meine Enkelkinder selber machen.

Sibel Kekilli, Jahrgang 1980, gilt nach ihrem Debüt in "Gegen die Wand" (2004) und ihrer überzeugenden Darstellung in "Die Fremde" (2010) als eine der profiliertesten deutschen Schauspielerinnen ihrer Generation. Von 2010 bis 2017 spielte sie die Kieler "Tatort"-Kommissarin Sarah Brandt. In der HBO-Serie "Game of Thrones" übernahm sie die Rolle der Shae. Für ihr Engagement für Frauen- und Mädchenrechte erhielt sie 2017 das Bundesverdienstkreuz. Ab 3. Dezember ist Kekilli auf RTL-Crime in der deutsch-finnisch-belgischen Thrillerproduktion "Bullets" zu sehen.

SPIEGEL: In der Serie "Bullets" spielen Sie Madina Taburova, eine international gesuchte Terroristin, die Selbstmordattentäter rekrutiert. Haben Sie gezögert, diese Rolle anzunehmen?

Sibel Kekilli: Nein. Mich faszinieren starke, gebrochene Charaktere. Und das habe ich in ihr gesehen. Ich lese ein Drehbuch als Schauspielerin, nicht als Privatperson. Als Mensch verurteile ich die Taten einer Terroristin, aber als Schauspielerin denke ich: Was für eine interessante Gelegenheit, sich dieser Person psychologisch zu nähern. Auch im wahren Leben möchte ich immer wissen, wie ein Mensch tickt und aus welchen Beweggründen er handelt.

SPIEGEL: In der Vergangenheit haben Sie mehrfach gesagt: "Ich will nicht auf die Rolle der Türkin festgelegt werden." Jetzt spielen Sie eine Tschetschenin mit Kopftuch. Sind Ihnen die Angebote heute vielfältig genug?

Kekilli: Ja, bis jetzt hatte ich hier viel Glück mit so unterschiedlichen Filmen und Rollen wie in "Game of Thrones", "What a Man" oder "Winterreise". In bestimmte Schubladen gesteckt zu werden, ist für mich als Schauspielerin problematisch. Und es ist offenbar schwierig, da schnell wieder herauszukommen. Die Rolle der Madina ist in jedem Falle sehr vielfältig.

SPIEGEL: Also verlaufen Castinggespräche heute anders für Sie?

Kekilli: Manche Regisseure und Caster haben sich gar nicht mehr getraut, mir türkische Rollen anzubieten. Dabei habe ich grundsätzlich nichts dagegen, hin und wieder eine Deutsch-Türkin zu spielen. Es kommt immer auf die Geschichten an. Es war mir aber wichtig, klarzumachen: Hey, ich bin keine Türkin, die Rollen verkörpert, sondern eine Schauspielerin, die versucht, verschiedene Rollen glaubhaft darzustellen.

SPIEGEL: Als "Tatort"-Kommissarin Sarah Brandt spielten Sie von 2010 bis 2017 eine urdeutsche Rolle in einer urdeutschen Serie.

Kekilli: Aber ich musste den Medien dennoch jahrelang erklären, warum ich als Kommissarin Sarah Brandt heiße. Eine türkische Ermittlerin zu spielen, sei doch viel interessanter, erklärte man mir. Ich empfinde das als Beleidigung für beide Seiten, für die deutsche Schauspielerin und für die Schauspielerin mit Migrationshintergrund. Das ist Alltagsrassismus.

SPIEGEL: Das heißt, Sie begegnen heute noch immer vielen Vorurteilen, wenn es um die Besetzung spannender Rollen geht?

Kekilli: Ja, die Filmbranche ist ein Spiegel der Gesellschaft. Wenn die Gesellschaft Frauen ab vierzig nicht mehr beachtet, dann kommen sie in Filmen auch nicht mehr vor. Definitiv sind viele deutsche Filme immer noch zu "weiß" besetzt. Regisseure klagen zum Beispiel, dass sie hierzulande aufgrund ihres ausländischen Namens keine Förderung erhalten. Aber diese Kollegen melden sich leider nicht öffentlich zu Wort. Nur so könnte sich etwas ändern. Aber viele haben Angst, dann erst recht keine Aufträge oder Rollen mehr zu bekommen.

SPIEGEL: Sie arbeiten längst in internationalen Produktionen. Sind denn die US-amerikanische oder die finnische Filmbranche weniger von Klischees geprägt?

Kekilli: Am Set von "Game of Thrones" hieß es immer "You are so German!": Vor zehn Jahren hat sich eine finnisch-englische Schauspielerin bei mir beschwert, dass sie in Finnland als englische Schauspielerin und als Ausländerin gesehen wird, obwohl sie dort lebt, Finnisch ohne Akzent spricht und einen finnischen Mann hat. Dieses Problem gibt es überall. In den USA ist man etwas mehr sensibilisiert. Es gab die #MeToo-Debatte und breite Diskussionen über das sogenannte Whitewashing, also die Besetzung nicht weißer Charaktere mit weißen Schauspielerinnen. Man ist vorsichtiger geworden.

SPIEGEL: Als Schauspielerin Halle Bailey jüngst als "Ariel" für eine Disney-Neuverfilmung gecastet wurde, gab es einen Aufschrei im Netz. Eine Meerjungfrau könne nicht schwarz sein.

Kekilli: Wer sagt denn, dass Ariel weiß sein muss? Es handelt sich doch sowieso um ein Märchen.

SPIEGEL: Die USA gelten als Schmelztiegel, in dem sich viele Ethnien integrieren. Trotzdem wird dort jeder dauernd nach der Herkunft gefragt.

Kekilli: Das habe ich nicht so extrem empfunden wie in Deutschland. Hier werde ich tatsächlich ständig gefragt, woher ich komme. Wenn ich dann antworte, ich stamme aus Deutschland, aus dem Schwabenländle, dann will man sofort wissen, wo meine Eltern geboren sind, was meine Muttersprache ist und ob ich wieder zurückgehe in mein Land. Damit ist dann die Türkei gemeint. Das macht mich immer wieder traurig. Man hat mir dadurch oft das Gefühl gegeben, ich sei Gast, und kein willkommener. Ich unterstelle ja auch nicht jedem, der nicht blond und blauäugig ist, dass er kein Deutscher sein kann. In dem Land, in dem ich geboren bin, in dem ich lebe, wähle, Steuern zahle, möchte ich diese Fragen nicht jahrzehntelang beantworten müssen. Ich empfinde diese Fragen als Affront. Auch das ist Alltagsrassismus.

SPIEGEL: Sie haben im Netz viele Hasskommentare erhalten und deshalb vorübergehend ihren Instagram-Account geschlossen. Haben die Angriffe nachgelassen?

Kekilli: Es erreichen mich immer noch viele Beschimpfungen und Drohungen. Unsere Gesellschaft verroht, Höflichkeit und Respekt zählen nicht mehr. Es wird eher schlimmer.

SPIEGEL: Was muss sich ändern?

Kekilli: Die Rechtsprechung muss mehr Schutz bieten. Die sozialen Medien brauchen ein Korsett. Mobbing und Stalking müssen bestraft werden, und zwar nicht erst, wenn schon jemand zu Schaden gekommen ist.

SPIEGEL: Trotzdem sind Sie selbst in den sozialen Netzwerken präsent?

Kekilli: : Ob ich einen Instagram-Account habe oder nicht, möchte ich nicht von diesen Menschen und ihren Beschimpfungen abhängig machen. Aber manchmal frage ich mich, warum ich mich mit solchen Kommentaren überhaupt beschäftigen muss. Das ist Selbstvergiftung.

SPIEGEL: Sie halten mit Ihrer politischen Meinung nicht hinter dem Berg. Raten andere Ihnen, sich zurückzunehmen?

Kekilli: Immer wieder. Ich solle mich nicht zu sehr gegen Ehrenmorde und für Frauenrechte engagieren, dann würde ich nicht als Schauspielerin wahrgenommen, hieß es mal. Andere meinen, ich solle mich auf keinen Fall zu politischen Fragen äußern. Aber ich habe eine Stimme und die werde ich nutzen, um mich für bestimmte Dinge zu engagieren, die mir wichtig sind.

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Aktuell

Ich lebe als freischaffende Autorin & Journalistin in Hamburg.

Bis heute seit 2006 . Hamburg

Mehrere Buchveröffentlichungen, Lesungen, Vorträge, Moderationen. Beiträge in Print- und Online-Medien, u.a. eine Porträtkolumne für die "Welt" und eine Inerviewreihe für den "Spiegel".

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1989 . German Marshall Fund

Reise und Recherche zur sozialen Lage in den USA mit einem Stipendium des GMF.

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